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 09.10.06

"Seele im Schatten - Hilfe bei Depression"

Depressive Erkrankungen nehmen zu: Schon heute leiden mehr als 50.000 Oberösterreicher und doppelt so viele Oberösterreicherinnen an den Symptomen einer Depression. Laut WHO-Prognose wird diese Krankheit bis 2020 zur zweithäufigsten anwachsen. Mit dem „Gesundheitsziel 4“ und der Initiative „Seele im Schatten – Hilfe bei Depression“ wird jetzt in Oberösterreich gegengesteuert.

Schon heute leiden in Oberösterreich rund 54.000 Männer und knapp doppelt so viele Frauen (106.000) entweder „stark“ oder „extrem“ an Kummer, Niedergeschlagenheit oder Sorgen, also an Symptomen einer Depression. Das ergibt eine Schätzung von „Statistik Austria“ auf Basis einer Studie der WHO zum Thema Gesundheit.

Frauen sind doppelt gefährdet
Frauen sind doppelt gefährdet: Die Wahrscheinlichkeit, zumindest einmal im Leben an einer depressiven Störung zu erkranken, liegt für Frauen doppelt bis dreimal so hoch wie für Männer, also bei 20 bis 26 Prozent (für Männer: 8 bis 12 Prozent). Andererseits: Frauen sprechen offener über Ängste und Stimmungsschwankungen. Vielleicht wird auch deshalb bei Frauen häufiger eine Depression diagnostiziert. Bei Männern wird hingegen eher eine „organische Ursache“ vermutet. Für alle gilt: Werden die Betroffenen nur mangelhaft sozial unterstützt, steigt die Gefahr einer neuerlichen Erkrankung. 

Stadtmenschen und Ältere häufiger betroffen
Überdies wird angenommen, dass die Bevölkerung im ländlichen Raum „in geringerem Ausmaß von depressiven Erkrankungen betroffen ist als die Bevölkerung der Städte“, sagt der Bericht „Psychosoziale Erkrankungen in Oberösterreich“ 2005, herausgegeben vom Institut für Gesundheitsplanung . Die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, nimmt mit dem Alter zu. Auch die Schwere der Erkrankung steigt mit dem Lebensalter.

Zahl der Krankenstände steigt
In den letzten Jahren stieg die Zahl der Krankenstände aufgrund „psychischer Störungen“: von 1996 bis 2003 um 40 Prozent (von 6.000 auf 8.500). Im Jahr 2004 waren es mehr als 12.000 Krankenstände, die durch psychische Erkrankungen verursacht wurden. Wobei hier wiederum 60 Prozent der „Arbeitsunfähigkeitstage“ durch „affektive Störungen“, und das sind in erster Linie depressive Erkrankungen, verursacht werden. Arbeitslose mit hohem psychischem Erkrankungsrisiko sind hier noch gar nicht eingerechnet.

SchülerInnen: Depressive Zustände nehmen zu
Es gibt massive Steigerungen in der Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die psychische Auffälligkeiten zeigen, besagt eine aktuelle Studie: Jeder Vierte ist betroffen, etwa jeder Dritte davon leidet an depressiven Zuständen. Eine erstmalige Erkrankung im Jugendalter erhöht die Wahrscheinlichkeit des Auftretens weiterer depressiver Episoden. Das heißt: Je jünger der oder die Erkrankte, umso größer das Risiko, bald wieder an einer Depression zu erkranken. Prävention ist hier von besonderer Bedeutung.

Eigenes Gesundheitsziel
Die Zahlen zeigen, in welch hohem Umfang Depression in der Bevölkerung verbreitet ist. Alarmierend dabei: Mehr als die Hälfte dieser ernsten Erkrankungen wird nicht diagnostiziert oder unzureichend behandelt. Zu der sehr leidvollen Depression kommen häufig noch andere Leiden: Bis zu 75 Prozent der Betroffenen sind zusätzlich mit eine Sucht- oder Angsterkrankung konfrontiert.

Mehr noch: Hinter all diesen Zahlen stehen menschliche Schicksale und oft ungeahntes menschliches Leid. Und sie sind zugleich eine große Herausforderung für die Gesundheitspolitik in Oberösterreich. Auf Initiative von Landesrätin Silvia Stöger wurde daher für Oberösterreich das „Gesundheitsziel 4“ formuliert, mit dem Inhalt, bis zum Jahr 2010 die psychische Gesundheit der Menschen in Oberösterreich nachhaltig zu verbessern. Ein konkreter Schritt ist nun die zum „Welttag der psychischen Gesundheit 2006“ am 10. Oktober startende Initiative „Seele im Schatten – Hilfe bei Depression“, die von pro mente Oberösterreich im Auftrag von Gesundheitslandesrätin Silvia Stöger und des Institutes für Gesundheitsplanung sowie in Zusammenarbeit mit dem ORF Oberösterreich durchgeführt wird.

Publikumsdiskussion mit ExpertInnen und Betroffenen: Dienstag, 17. Oktober, Redoutensäle Linz
Ab heute, 9. Oktober, wird ORF Oberösterreich eine Woche laufend zum Thema Depression berichten. Klaus Stecher hat dazu vier Radio-Beiträge mit Fachleuten und einer Betroffenen vorbereitet. Primar Werner Schöny ist morgen Mittag Studiogast in Radio Oberösterreich. Auch die schon traditionelle Beilage von pro mente OÖ. in den Oberösterreichischen Nachrichten ist diesmal, im Auftrag der Gesundheitslandesrätin, dem Thema gewidmet. Am Dienstag, 17. Oktober, informieren schließlich Fachleute und Betroffene im Rahmen einer Publikumsveranstaltung in den Redoutensälen.

Wie erkenne ich eine Depression?
Schon anhand weniger Fragen lässt sich der Verdacht auf eine Depression gut erkennen. Wie etwa: „Habe ich Schlafstörungen? Wird alles schwieriger in letzter Zeit? Hat die Lebensfreude abgenommen, besonders morgens oder habe ich Angst, ohne zu wissen warum?“.  Wenn das so ist, sollte unbedingt ein Arzt oder eine Ärztin aufgesucht werden.

Freudlos, ohne Antrieb, müde, schlaflos, …
Die weiteren Anzeichen einer depressiven Erkrankung: Antriebslosigkeit, traurige Stimmung, innere Unruhe und Suizidgedanken. Eine Depression ist durch eine länger dauernde, gedrückte Stimmung, also Gefühle der Trauer und Niedergeschlagenheit, gekennzeichnet. Wenn eine traurige Stimmung länger als 14 Tage andauert, kann es sich um eine Depression handeln.

Missgestimmtheit und Gereiztheit können ebenso auftreten wie ein Verlust an Interessen oder Freude an Aktivitäten, die normalerweise gerne unternommen werden. Weitere Symptome: vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle und das Gefühl der Ausweg- und Wehrlosigkeit. Die Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, zählt ebenso zu den Anzeichen wie etwa stark veränderter Appetit oder sexuelles Desinteresse. Am Gipfelpunkt einer depressiven Episode kann es zum Auftreten von Suizidgedanken kommen. Schwer depressive Menschen sind oft nicht einmal in der Lage, das Bett zu verlassen. Bei einer mittleren depressiven Störung gelingt die Bewältigung des Alltages nur unter erheblichen Schwierigkeiten. Bei leichteren Formen „funktionieren“ die Betroffenen, fühlen sich aber schlecht, überfordert oder leiden an körperlichen Symptomen.

Die Warnsignale
Wenn sich die Grundstimmung verändert, wenn man sich nicht mehr konzentrieren kann, schlecht schläft oder negative Gedanken nicht mehr aus dem Kopf bringt, dann möglichst rasch für eine ärztliche Abklärung sorgen.
 
Die Chancen, wieder gesund zu werden, sind hoch,
denn Depressionen sind sehr gut zu behandeln. Bei leichteren Formen hilft eine Psychotherapie, also etwa das Gespräch mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin. Bei schwererer Erkrankung sind Medikamente sehr hilfreich und bringen gute Besserung. Wird eine depressive Erkrankung gut behandelt, kann die Dauer einer depressiven Episode bei drei Viertel der Betroffenen (70 Prozent) deutlich verkürzt werden.
Unbehandelt können depressive Episoden mehrere Monate dauern; bei etwa 15 Prozent ist der Verlauf der Krankheit chronisch, das heißt, auch nach fünf Jahren ist noch keine Symptomfreiheit erreicht.

Überdies: Erfolgt keine ausreichende Behandlung, ist die „Rückfallquote“ sehr hoch: innerhalb von fünf Jahren haben dann fast drei von vier Betroffenen mindestens eine weitere depressive Episode; etwa 25 Prozent erkranken bereits innerhalb eines halben Jahres neuerlich an einer Depression.

Für eine gute Behandlung wesentlich ist die Auswahl der geeigneten Antidepressiva, neben einer regelmäßigen Psychotherapie. Die Medikamente zeigen eine gute Wirkung und – um ein altes Vorurteil auszuräumen: es besteht keinerlei Gefahr einer Abhängigkeit!

Was kann ich tun?
Noch einmal: Eine Depression ist eine schwere Krankheit, die gut zu behandeln und heilbar ist. Anzeichen einer Depression, die an der eigenen Person oder an einem Menschen in der Umgebung bemerken werden, sollten unbedingt ernst genommen werden! Bei Verdacht auf Depression unverzüglich einen Arzt oder eine Ärztin  aufsuchen. Und nicht zögern, sich zum Facharzt überweisen zu lassen. Eine Depression ist kein Grund, sich zu verstecken!

Beratung, Begleitung und Therapie bieten die FachärztInnen und  PsychotherapeutInnen. Und in allen Bezirken des Landes sind Hilfen in den Psychosozialen Beratungsstellen von pro mente OÖ. und in den Psychosozialen Zentren von Exit-sozial zu finden. In psychischen Krisen sind der Psychosoziale Notdienst von pro mente OÖ. und der Krisendienst von EXIT-sozial rund um die Uhr erreichbar.

Niemand sollte sich mehr scheuen, bei Verdacht auf Depression die Fachärztin, den Psychiater oder eines der fünf Krankenhäuser aufzusuchen, die landesweit auf seelische Erkrankungen spezialisiert sind.

Die Ursachen für den Anstieg
Generell ist festzustellen, dass der Druck auf die Menschen wächst, auch die Angst vor Arbeitslosigkeit steigt. Zudem setzen sich Menschen durch hohe Erwartungen selbst unter Druck, etwa in der Freizeit und im Zusammenleben. Und nicht zu vergessen, die  abnehmende Stabilität im sozialen Umfeld.

Ganz besonders gefährdet sind Menschen in Armut und alle, die ein Randgruppen-Dasein führen. Diese Menschen tragen ein sehr hohes Risiko, seelisch krank zu werde. So haben etwa Arbeitslose das dreifache Risiko, wegen einer affektiven Störung, und das ist zumeist eine depressive, zu erkranken. Das zeigen die Zahlen der „Krankenhausaufenthalte nach Beschäftigungsstatus“. Vorbeugung gegen psychische Krankheiten muss daher mit der Vermeidung von Armut und sozialer Ausgrenzung Hand in Hand gehen.

Auch hohe Belastungen, eine Unterforderung, etwa durch eintönige Tätigkeiten, und Mobbing am Arbeitsplatz können eine Depression auslösen. Verdrängte Konflikte, ob in der Partnerschaft, in der Familie und im Berufsleben, können krank machen.

Was können PartnerIn, Familie und KollegInnen tun?
Auf keinen Fall wegschauen oder abwarten! Die Depression ist eine ernste Krankheit und der Betroffene braucht Hilfe. Während körperlich kranke Menschen mit Unterstützung rechnen können, sehen sich psychisch kranke Menschen oft mit Unverständnis und Vorurteilen konfrontiert. Eine Depression ist eine Krankheit, die zu behandeln ist und überhaupt nichts mit mangelnder Willensstärke oder dergleichen zu tun hat! Es hat also keinen Sinn, depressive Menschen aufzufordern, sich „zusammenzureißen“. Er braucht vielmehr Verständnis und Unterstützung von seiner Umgebung.

Als wichtige konkrete Tipps für die Vorbeugung gelten: Konflikten nicht aus dem Weg gehen, sondern offen ansprechen, eine Lösung versuchen. „Nicht schlucken und schlucken, bis man es nicht mehr aushält.“ Das ist eine der wesentlichen psychosozialen Ursachen,  die zur Depression führt. Und nehmen Sie Freuden wahr, überall, wo es Freuden gibt. Also nicht nur auf die großen positiven Dinge im Leben schauen, sondern auch auf die kleineren achten.

Ganz wichtig ist es auch, soziale Beziehungen zu pflegen und für ausreichende Entspannung zur sorgen, etwa mit Sport oder Kultur-Genuss. Für den Weg aus der Depression ist das Gespräch mit der Partnerin, dem Freund, also mit nahe stehenden Menschen, ein wichtiger erster Schritt. Und das Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin finden. Vorsicht vor Isolation! Wichtig ist es, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen und über eigene Gefühle, Ängste und Hoffnungen zu reden.

Sportliche Betätigung verbessert die Stimmungslage, der Organismus setzt so genannte „Glückshormone“ frei. Mindestens 20 Minuten Bewegung täglich sind hilfreich. Überdies hilft Licht, besonders an den langen Wintertagen. Daher viel Zeit bei Tageslicht an der frischen Luft verbringen.

Es sollte nicht versucht werden, die Stimmung mit Alkohol zu verbessern: Alkohol kann das Gegenteil bewirken und hält davon ab, Lösungen für Probleme zu finden. Besser ist es zu lernen, sich zu entspannen, um mehr und mehr das seelische Gleichgewicht halten zu können. Wichtig ist auch das Setzen von kurzfristigen Zielen, die erreichbar sind. Und für regelmäßigen Schlaf, Erholung und ausgewogene Ernährung sorgen. Und schließlich: Eine begleitende Psychotherapie eröffnet die Chance, sich weiter zu entwickeln und zu erkennen, „was die Depression zu sagen hat“. Das senkt die Wahrscheinlichkeit, später neuerlich zu erkranken.