Am Ende gewann die Verrücktheit in Linz die absolute Mehrheit. Das war nicht absehbar, am Beginn, als der ausgestopfte Grottenbahnliebling zum Frühlingsbeginn mit blutigen Läufen sein Krankenlager am Pöstlingberg verließ, um in die Hände zweier Projektautorinnen zu geraten und hier in der Transzendenz von Entschlossenheit und Leidenschaft zur unsterblichen Kunstfigur transformiert zu werden. Was für ein Hasenleben!
Der Katalog und die Film-Doku zur 19-teiligen Kunstreihe Der Kranke Hase // verrückt nach Linz sind soeben erschienen. Auch die eigens komponierte Hymne zum Kranken Hasen lässt von sich hören (Text: Jeanette Müller, Musik: Wolfgang Schlögel):
http://www.kunstraum.at/docs/8df03d4008dc98b8c55f7642fc317374_kranker%20hase%20single%20edit.mp3
Wenn wir über den Kranken Hasen reden, meinen wir die Heilsfigur, den nie persönlich sichtbaren, niemals sprechenden Hauptdarsteller der Projektreihe Der Kranke Hase // verrückt nach Linz. Oder wir meinen eben diese ungewöhnliche Reihe in 19 Teilen, welche 26 Künstlerinnen und Künstler, kommend aus Estland, Deutschland, der Schweiz, Finnland, Litauen und Österreich, die Kulturhauptstadt Europas exakt 232 Tage bespielen ließ. Und - aber was sagen schon Zahlen? - mehr als 60.000 Publikumsmenschen fand. 
Viele Menschen haben im Schillerpark getanzt oder mit den Sprechenden Eseln am Pfarrplatz gescherzt, haben mit Hasenköpfen schweigend die Linzer Luxusmeile begangen oder in der Kabinen-Skulptur am Hauptplatz verrückte Funktionen probiert; haben eine Münze aus dem Geldbrunnen im Einkaufsparadies geklaut oder im Bad Rabbit-Shop ein T-Shirt mit dem persönlichen Dialekt-Schimpfwort gekauft.
Hier begann es, hier fand es sein Ende: Im Volksgarten, immer mit einem merkwürdigen Volksfest rund um das Baumhaus von Tobias Hagleitner und Gunar Wilhelm (A). Die offene Aussichtslandschaft, fünf Meter über dem Garten, wurde von tausenden, vor allem jugendlichen Menschen besucht. Gedacht für alle, die neue Sichtweisen finden wollen, um Gewohntes zu ändern.
Wie klein macht krank, wie krank ist groß? Das fragte ausgerechnet ein 4.70 Meter großer, goldener Plastikzwerg, gleich am Eingang zum Volksgarten, ein ziemlich aufgeblasener Wicht, geschaffen vom KünstlerInnenkollektiv Hubraum (A). Die Frage bleibt, was noch so alles aufgeblasen daherkommt, in Linz und anderswo.
Haben sich in die Herzen der Stadtwohnenden geplaudert, die Sprechenden Tiere von Tea Mäkipää (FL). Esel, Truthahn und Riesenhase redeten offen über sich und ihre ganz persönliche Sicht auf Menschen. Tausende haben diese seltene Gelegenheit genutzt, manche kamen täglich. Als die fünf schlauen Tiere, welche Menschen als das gemeinsame Problem schlechthin erkannten, ihre Reihenhäuser mit Vorgarten am Pfarrplatz verlassen mussten, waren Enttäuschungen unvermeidbar.
Auch beim Money Fountain war der Mensch das Problem. Der Geldbrunnen im Linzer Einkaufsparadies warf viele Münzen und damit die Frage auf, ob Geld sauberes Wasser ersetzen könne. Mäkipää thematisierte damit die Unfähigkeit des Menschen, einen umweltverträglichen Lebensstil zu entwickeln. Und siehe da: Raubbau wurde betrieben, in den gewohnten kleinen Schritten. Am Ende war von „tausenden Münzen“ keine einzige mehr übrig.
Als Fremdkörper ohne erkennbaren Nutzen waren die „Kabinen. Modulare Fertigskulpturen für Städte“ von Anja Vormann und Gunnar Friel (D) gedacht. Doch manche waren verrückt genug, das scheinbar Nutzlose zu nutzen, etwa als Versuchsanordnung, um herauszufinden, wie viele Personen in dieser Platz finden können. Die Kabinen werden an den Linzer FKK-Strand verrückt, zum Umkleiden. Dabei sind die Kabinen aus Glas und durchlöchertem Holz. Und sehet, Linz lässt sich auf herrliche kleine Verrücktheiten ein!
Bleampl, Ruamzutzla, Blunzn: Astrid Benzer (A) hat mit „Bad Rabbit - Bad Habbit“ ein neues Modelabel in perfektem Fabrikdesign geschaffen und damit Oberösterreichische Dialekt-Schimpfwörter auf Stoff gebannt; feilgeboten in eigener Boutique im KunstRaum Goethestrasse xtd. Hier stellte auch Marko Mäetamm (EE) die Ängste, Paranoia und Geheimnisse eines „ganz normalen Familienalltages“ dar: Hamsterkäfige zeigten verdrängt Grausliches in kleinen Szenen mit trivialen Spielzeugfiguren, während im Stockwerk darüber leibhaftige Kinder tobten. Harmloser zu durchschreiten war da das „Hütteldorf“ von Betty Wimmer (A), eine Installation in gut einem dutzend Holzhäuschen, wobei jedes einzelne von den vielen Ticks und Marotten erzählte, die im „normalen Alltag“ gar nicht so besonders auffallen.
Mit „Deep Inside“ verwandelte Anne Lorenz (CH) das Foyer der neu eröffneten Landesbibliothek in einen Sakralraum: Über große Videoprojektionen wurde der Blick in das Innenleben der Bibliothek verrückt, in die klösterlicher Ruhe und Ordnung zwischen Büchern und Kachelofen.
Am 10. Oktober 2009 kehrte der Kranke Hase in die Grotte am Pöstlingberg zurück. Zumindest der Leibliche. Doch die Heilsgestalt bleibt im Bewusstsein der Stadt, heute und alle Tage. Am Ende gewann die Verrücktheit in Linz die absolute Mehrheit. Mit knapp 80 Prozent.
Alle 19 Projekte sind jetzt in einer umfassenden 45-Minuten-Film-Doku von Renate Bauer sowie im soeben erschienenen 128-Seiten-Katalog (wieder) zu sehen und gegen Versandkosten beim KunstRaum Goethestrasse xtd, Goethestraße 30, 4020 Linz, + 43 732 65 13 46 16 oder office@kunstraum.at zu bestellen. So lan
ge der Vorrat reicht.
PS: Historische Abstimmung mit der Frage: „Ist Linz eine Provinz?“
Zum großen Finale des Kranken Hasen am 10. Oktober 09 im Volksgarten gab es eine „historische Abstimmung“ über die Frage, „Wie viel Verrücktheit verträgt Linz?“. 223 Stimmzettel wurden abgegeben. Hier die wichtigsten Ergebnisse.
Auf die Frage „Ist Linz Provinz?“ sagten 45 Prozent: Ja und Nein. Ein knappes Viertel (23 %) erklärte, „Ja, und das ist gut so“. Etwa ein Fünftel (18 %) sagte Nein zur Provinz und stellte klar: „Linz ist eine Weltstadt“. Nur 11 Prozent meinten auf die Linz-Provinz-Frage: Ja, leider.
Eine klare Mehrheit brachte die Frage: „Soll Linz verrückter werden?“. Ja, unbedingt, stimmten 77 Prozent. Nur 5 Prozent erklärten „Nein, bloß nicht“. Den übrigen ist´s egal. Eine überwältigende Mehrheit sagte Ja auf die Frage, ob das Baumhaus des Kranken Hasen im Volksgarten bleiben soll, nämlich mehr als 92 Prozent. (go/fotos: fohler, prochart, miesenböck)
Alle Infos unter: www.kunstraum.at











