Krise macht krank: Mehr Hilfe für Psyche jetzt notwendig!
Die Wirtschaftskrise gefährdet die psychische Gesundheit. Daher sind jetzt Maßnahmen zu ergreifen, um Langzeitfolgen zu vermeiden.Statement von Univ.-Doz. Primar Dr. Werner Schöny, Vorstandsvorsitzender pro mente OÖ, in der heutigen Presse-Konferenz mit AK OÖ und OÖGKK in Linz.
Hilfe direkt im Umfeld von Menschen mit psychosozialen Problemen ist wirkungsvoller und kostengünstiger als ein akuter Krankenhausaufenthalt. Mehr kostenfreie Psychotherapie, psychiatrische Ambulanzzentren in allen Landesteilen sowie „Notärzte für die Seele“ in allen Bezirken sind daher drin-gend notwendig.
Wie die krisenhafte Situation der Wirtschaft bei den Menschen „ankommt“, das erleben wir über den telefonischen Notruf für psychische Krisen unter 0732 / 65 10 15, in unseren landesweit 23 psychosozialen Beratungsstellen und im Kriseninterventionszentrum Linz.
Steigende Angst um den Arbeitsplatz. Die Angst vor drohendem Arbeitsplatzverlust nimmt zu. Das zeigt sich in der täglichen Beratungsarbeit. Immer mehr Menschen am Rande einer Erschöp-fungsdepression suchen Hilfe in den Beratungsstellen, berichten unsere Ex-perteninnen und Experten.
Steigender Leistungsdruck und Mobbing. Aus Angst um den Arbeitsplatz wird heute viel hingenommen, bis zur psychischen Erkrankung. Der Arbeitsplatzverlust löst heute stärkere existenzielle Ängste aus als noch vor zwei bis drei Jahren. So kommen immer mehr Menschen mit Angst und Hoffnungslosigkeit in das Kriseninterventionszentrum Linz. Einige sind bereits arbeitslos, andere erfüllen aus Angst die Arbeit von ursprünglich zwei Personen. Belastende Arbeitssituationen werden heute eher resigniert in Kauf genommen und Konflikte nicht mehr ausgetragen, aus Angst, sonst „auf die Abschussliste“ zu kommen. Das Anschwärzen von Kolleginnen und Kollegen nimmt zu im Kampf, sich den Arbeitsplatz zu erhalten. Die Angst vor dem Verlust ist oft noch belastender als das tatsächliche Ereignis. Möglichst große Klarheit über die Situation im Unternehmen kann hier helfen, Angst zu vermindern.
Mehr Konflikte in Familie und Partnerschaft. Vor allem diese Angst um den Arbeitsplatz und existenzielle Sorgen führen zu psychosozialen Belastungen, die immer häufiger Konflikte in den Familien und mit dem Partner, der Partnerin, auslösen. So beobachtet der Psychosoziale Notdienst (pnd) Oberösterreich seit Wochen eine Zunahme von Kontakten aus Krisen um etwa 20 Prozent. Vor und um Weihnachten ist eine derartige Spitze üblich, doch nimmt heuer im Vergleich zu den Jahren davor diese hohe Frequenz nicht mehr ab. Weiters stellen wir fest, dass auch die suizidalen Krisen aufgrund finanzieller Probleme mehr werden.
Zahlen für 2008 bestätigen Bild. Deutlich zugenommen haben die „Erstkontakte“, ein Indikator für einen zu-nehmenden Bedarf an psychosozialer Hilfe, nämlich von 3.297 (2007) auf 5.405 (2008), also um 2.108 oder um 64 Prozent. Die Folge: Um diesen Zuwachs bewältigen zu können, wird heute vermehrt auf andere Beratungsstellen sowie auf niedergelassene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten verwiesen.
Wartezeiten führen zu Krisen. Es wird zunehmend schwieriger, Menschen mit psychischen Problemen eine kostenfreie Therapie anbieten zu können. Die Wartezeiten in unseren Psychosozialen Beratungsstellen liegen heute zum Teil bei zwei Monaten. Für eine Beratung in Bosnisch oder eine Psychotherapie in Türkisch – diese werden in der Psychosozialen Beratungsstelle Linz-Süd angeboten – beträgt die Wartezeit ein Jahr. Wobei grundsätzlich gilt, dass immer dann, wenn Wartelisten geführt werden müssen, ein Erstgespräch zur Abklärung innerhalb von einer Woche möglich sein muss und dringende Fälle vorgezogen werden. Meist gelingt es, Menschen in Krisen schnell wieder auf die Beine zu helfen, nach dem Motto „Rasche Hilfe ist die wirksamste Hilfe“.
Wartezeiten und Wartelisten führen bei Menschen in existenziellen Krisen zur Angst, dringend notwendige Hilfe nicht finden zu können. Hier ist nochmals zu betonen, dass rasche Erstgespräche immer möglich sein müssen. Trotzdem: Der Mangel an Hilfe verschlimmert die Symptome und macht sozusagen noch mehr krank.
Angebot an Psychotherapie deutlich ausweiten. Da heute der Bedarf an Psychotherapie steigt und gleichzeitig immer mehr Menschen nicht in der Lage sind, diese Hilfe zu bezahlen, sollte – zumindest befristet für die Zeiten der Krise und ihrer Nachwirkungen – das Angebot an kostenfreier Psychotherapie in Oberösterreich deutlich ausgeweitet werden. Grundsätzlich gilt: Nur eine rechtzeitige psychosoziale Unterstützung durch Fachleute kann helfen, die leidvollen Folgen der Krise – Zunahme von Burnouts, Depressionen und Angsterkrankungen – zu mindern.
Damit können viele lange Krankenstände und schwere Belastungen für das private und berufliche Umfeld vermieden werden. Zu wenig beachtet werden die negativen Auswirkungen der Krise auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Wenn Existenzsorgen Familien ständig belasten, hat dies oft mit einer Verzögerung von Jahren eine Zunahme von psychischen Erkrankungen junger Menschen zur Folge. Betroffene brauchen daher rechtzeitig eine entlastende Unterstützung.
Immer mehr Angst- und Belastungsstörungen. Der Vergleich der psychiatrischen Diagnosen, welche in den Psychosozialen Beratungsstellen und im Kriseninterventionszentrum gestellt wurden, zeigt folgendes Bild: Von 2007 auf 2008 zugenommen haben „neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“, während sich andere psychiatrische Erkrankungen verringert haben oder von der Anzahl her gleich geblieben sind.
Diese „Belastungsstörungen“ sind eine Gruppe von Erkrankungen, die gemäß einem international gültigen Diagnoseschema in der Gruppe „F 4“ zusammengefasst sind. Zu dieser Diagnosegruppe F 4 zählen wiederum die „Angststörungen“ und „Reaktionen auf schwere Belastungen“. Gleichzeitig haben sich die absoluten Zahlen der anderen Diagnosen meist leicht verringert oder sind gleich geblieben, zeigt die Dokumentation von pro mente Oberösterreich für 2008.
„Notärzte für die Seele“ dringend notwendig. Der Psychosoziale Notdienst Oberösterreich ist in dieser psychischen Unterstützung außerhalb des Krankenhauses ein wesentliches Element. Doch fehlt in den meisten Bezirken noch immer ein „Notarzt für die Seele“. Dieser ist derzeit nur in fünf von 15 Bezirken verfügbar. Daher ist eine "Erste Hilfe für die Psyche" in den meisten Bezirken nur telefonisch möglich. Man stelle sich diese Situation einmal für körperliche Erkrankungen vor. Ein flächendeckender Ausbau der Hausbesuche bei psychischen Krisen durch einen Facharzt oder eine Fachärztin und psychosoziale Fachkräfte sind dringend notwendig. Dort, wo es psychosoziale Notdienste gibt, sinkt die Suizidhäufigkeit, zeigen etwa Studien von Gernot Sonneck, Experte für Suizidprävention und Professor an der Medizinischen Uni Wien.
Psychiatrische Ambulanzzentren in allen Regionen. Psychiatrische Ambulanzzentren in allen sechs Planungsregionen des Landes sind erforderlich, um damit Krankenhausaufenthalte vermeiden zu helfen. Am Landeskrankenhaus Steyr und in der Landesnervenklinik Linz ist schon heute eine psychiatrische Versorgung möglich, ohne dafür in ein Krankenhaus aufgenommen werden zu müssen. Oberösterreich wird in der Gesundheitsplanung in sechs Planungsregionen eingeteilt: in das Mühlviertel, Innviertel, Hausruckviertel, Salzkammergut, in den Zentralraum mit Linz-Land und Linz-Stadt sowie in die Pyhrn-Eisenwurzen.
Ohne Existenzgrundlage keine Gesundheit. Menschen, die ihre materielle Existenz bedroht erleben, tragen ein viel höheres Krankheitsrisiko. Menschen mit psychischen Erkrankungen wiederum brauchen als Voraussetzung, um wieder gesund zu werden, ein Sicherheit gebendes Angebot an Arbeit, Wohnraum und Grundeinkommen.
Krank machendes System verbessern. Sensible Menschen waren und sind die Seismographen einer Gesellschaft. Werden diese nicht ernst genommen, sondern einfach als „psychisch krank“ beiseitegeschoben, wird die psychosoziale Gesundheit der ganzen Gesellschaft gefährdet.
Das ist aber heute der Fall und erreicht gerade in der gegenwärtigen Krise zunehmend alarmierende Ausmaße. Aus Sicht der Prävention psychischer Erkrankungen sind Systemkorrekturen notwendig, wie etwa Leistungsdruck abbauen, die persönlichen Zeitressourcen für Beziehungen erhöhen, sich auf das besinnen, was im Leben wirklich wichtig ist, und zudem erkennen, dass es „normal ist, verschieden zu sein“.
Statement von Mag. Anneliese Aschauer pro mente akademie unterstützt in Krisensituationen
pro mente akademie unterstützt Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber als auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in schwierigen Situationen. In wirtschaftlichen Krisenzeiten machen sich unterschiedlichste Auswirkungen bemerkbar. Einerseits steigen Burnout-Symptome an, andererseits werden diese aufgrund der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust häufiger als in guten Zeiten verleugnet. Kommt es zu einem Abbau von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, müssen jene, die bleiben, zumeist die anfallende Mehrarbeit mit erledigen und stehen somit unter verstärktem Druck, dem sich diese hilflos ausgeliefert fühlen.
Sicherheitsanker brechen weg. Teams werden kleiner oder aufgelöst, Führungskräfte ausgewechselt. Das, was bisher an Werten galt, verliert plötzlich an Bedeutung. Vor allem in Krisenzeiten zeigt sich, wie ernst es dem Unternehmen mit Unternehmenswerten wie Wertschätzung oder Mitarbeiterorientierung ist.
Der Abbau von Beschäftigten ist in vielen Fällen für das Überleben des Unternehmens notwendig. Doch entscheidet hier vor allem die Art und Weise der Trennung, ob eine Kündigung psychosozial verarbeitet werden kann oder ob negative Folgen bei den Gekündigten, aber auch bei den bleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, auftreten. Nicht vergessen werden dürfen jene Personen, welche die drastischen Ent-scheidungen tatsächlich umsetzen müssen. Führungskräfte, die Kündigungen aussprechen müssen, stehen unter enormem psychischem Druck und benötigen ebenfalls Unterstützung
pro mente akademie bietet seit mehreren Jahren Unterstützung in Krisensituationen: für Unternehmen, für deren Führungskräfte und für die Beschäftigten. Dies reicht von der Prozessbegleitung über Workshops und Coaching für Führungskräfte bis hin zur Beratung und Krisenintervention für gekündigte und bleibende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese professionelle Begleitung in schwierigen Zeiten wurde bereits von Un-ternehmen wie Austria Tabak, Engel, BRP Powertrain und Telekom genutzt.