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 12.01.10

"Der ganz normale Wahnsinn im Museum"

"Wahnsinnige" Kunst und "irre" Architektur: Wieso sich Kunstschaffende um 1900 von "Geisteskrankheit" angezogen fühlten und wie Psychiatrie und Kunst zusammen hängen, zeigt das Wien Museum in "Madness & Modernity". Ab 20. Jänner. Ein Bericht vom ORF Wien.



Das "Verrückte" und der "Wahnsinn" übten Faszination auf Künstler und Architekten aus. Bürgertum: Angst vor psychischer Krankheit. Ob die Planung von Nervenheilanstalten oder das Porträtieren von geistig kranken Patienten: Wirft man einen Blick auf Werke Wiener Künstler und Architekten um 1900 scheint das "Verrückte" und der "Wahnsinn" eine magische Anziehungskraft auf diese besessen zu haben.

Dieses Interesse wurde vom verstörenden Gefühl des großstädtischen Bürgertums begleitet, in "nervösen" Zeiten zu leben. Ängste vor psychischen Erkrankungen gingen Hand in Hand mit der Furcht vor der modernen Stadt mit ihren neuen Technologien, Arbeitsbedingungen und der Beschleunigung des Lebens.  Diese Faktoren gaben der Erforschung des "Wahnsinns" einen Impuls. Um 1900 war Wien führend in Europa im Bereich der medizinischen Erforschung psychischer Krankheiten.

"Narrenturm" für "gefährliche Irre". Die Ausstellung "Madness & Modernity. Kunst und Wahn in Wien um 1900", welche die Beziehungen zwischen Psychiatrie und bildender Kunst, Architektur und Design beleuchtet, zeigt, wie stark die Moderne unsere Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen geprägt hat. In sechs Abschnitte ist die aus London stammende Schau, die das Wien Museum eins zu eins übernimmt, gegliedert. Aspekte des Wahns im Wien des 18. Jahrhunderts, als Franz Xaver Messerschmidt seine berühmten "Charakterköpfe schuf, bilden die Einführung.

Um 1900 wurden sie wiederentdeckt und als Ausdruck seines "schauerlichen Wahnlebens" angesehen. Thematisiert wird auch der unter Kaiser Joseph II. im Wiener Allgemeinen Krankenhaus errichtete "Narrenturm", indem "gefährliche Irre" untergebracht wurden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wandelten sich die Ansichten über die Unterbringung psychisch Kranker.

Steinhof als ehemals modernste Anstalt. Um das moderne psychiatrische Krankenhaus dreht sich der zweite Teil der Ausstellung, die am 20. Jänner 2010 eröffnet wird und Besuchern bis 2. Mai 2010 offen steht. Gezeigt werden die 1907 eröffneten "Nieder-Österreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalten für Geistes-und Nervenkranke - Am Steinhof". Das von Otto Wagner geplante Krankenhaus galt damals als das größte und modernste Europas. 

Erholungsaufenthalte in Nervenheilanstalten. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit den unterschiedlichen therapeutischen Ansätzen und stellt diese vor. Auf Grund des in der wohlhabenden Wiener Gesellschaft umgehenden Gefühls, in einem "nervösen" Zeitalter zu leben, verschrieben Psychiater zu dieser Zeit häufig Erholungsaufenthalte in Nervenheilanstalten. Josef Hoffmann gestaltete mit dem 1904/05 errichteten Sanatorium Purkersdorf einen Rückzugsort zur Entspannung der Großstädter und ein bedeutendes Gesamtkunstwerk.

Zur selben Zeit machte Sigmund Freud auf sich aufmerksam, indem er unbewusste und verdrängte Wünsche, Träume und Gedanken zum Ausgangspunkt seiner Theorie machte und somit bis dahin gängige Lehrmeinungen über Bord schmiss. Ein Highlight der Schau bildet ein Teppich mit zwei Kissen der berühmten Couch von Freud, die vom Sigmund Freud Museum in London entlehnt wurden.

Der Einfluss des "Wahnsinns" auf die Porträkultur um 1900 bildet den Abschluss der Ausstellung. Egon Schiele und seine Selbstporträts. "Kunst und Wahn" ist das Thema des vierten Abschnitts. Am Beispiel von Egon Schiele und dessen Selbstporträts, die von intensiver Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper zeugen, wird dieses Thema abgehandelt. Die beiden letzten Teile der Ausstellung handeln zum einen vom Einfluss des "Wahnsinns" auf die Porträtkultur um 1900. Zum anderen stehen künstlerische Arbeiten von zwei Insassen psychiatrischer Anstalten im Fokus.

"Madness & Modernity Kunst und Wahnsinn in Wien um 1900" ist von 20. Jänner bis 2. Mai 2010 im Wien Museum zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und Feiertag jeweils von 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag von 10.00 bis 21.00 Uhr. Eintritt: 9 Euro; Tel: 505 87 47-85 173. Wien Museum